Römerschlachtareal am Harzhorn

 
Speerspitze
 

Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur
Prof. Dr.-Ing. Frank Lohrberg

 

Seit August 2011 erarbeitet der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur ein Entwicklungskonzept für ein neu entdecktes Römerschlachtareal am sogenannten „Harzhorn“, einer bewaldeten Erhebung im Landkreis Northeim in Südniedersachsen. Das Entwicklungskonzept, welches vor allem der touristischen Erschließung des Ortes dient, umfasst nach einer ausführlichen Grundlagenanalyse auch einen flexiblen Masterplan. Dieser beinhaltet u.a. die Basis für eine „Informationsarchitektur“ für das Jahr 2013, sowie weitere „Entwurfsbausteine“ für eine umfangreichere Besuchernutzung des Ortes, einschließlich eines Erlebniszentrums für das Jahr 2015. Auftraggeber ist der Landkreis Northeim. In das Forschungsprojekt werden ab dem Sommersemester 2012, in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens, auch studentische Projekte eingewoben. Parallel dazu bietet das Beispiel Harzhorn Diskussionsgrundlagen für weitere fachgebietsübergreifende Kooperationen im vielfältigen Themenbereich des kulturellen Erbes an. Dazu werden über den Fundort hinaus vor allem Aspekte von Landschaft und umgebender Region in den Mittelpunkt gestellt.
Das Planen und Entwerfen im Zusammenhang mit kulturellem Erbe kann diverse neue Handlungsfelder und Herausforderungen erschließen: Als kulturelles Erbe werden sämtliche Ressourcen aus der Vergangenheit bezeichnet, welche von einer Gesellschaft ererbt werden und unabhängig von der Eigentumsordnung als Träger von Identität, Werten, Überzeugungen, Wissen oder Traditionen geschätzt werden. Innerhalb rechtlicher Grenzen umfasst das kulturelle Erbe eine Auswahl von Elementen, welche in den internationalen und europäischen Vorgaben einschließlich der Richtlinien der EWG/EU als kulturelles Erbe berücksichtigt sind. Prinzipiell kann jedes Zeugnis aus der historischen Interaktion von Mensch und Orten als kulturelles Erbe interpretiert werden: nicht nur eingetragene Denkmäler und Naturgüter, sondern auch landschaftliche Elemente wie Pilgerwege, Alleen, Richtstätten, Tanzplätze und Schlachtfelder. Übergreifend kann auch eine gesamte Kulturlandschaft als ein Fundament der Gesellschaft und damit als kulturelles Erbe angesehen werden.

 
Blick auf das Harzhorn Blick auf das Harzhorn
 

Am Fundort Harzhorn wurden nach der Jahrtausendwende Reste einer Schlacht zwischen Römern und Germanen gefunden – auf einer Länge von ca. 4km. Die Funde aus dem 3. Jahrhundert nach Christus verblüffen die Fachwelt: Bisher war man davon ausgegangen, dass römische Verbände in dieser Epoche nicht mehr in das „freie Germanien“ vorgedrungen waren, was eine Sensation für die mitteleuropäische Geschichtsschreibung darstellt. Der Fundort – eine bewaldete Erhebung in ländlicher Umgebung mit Dörfern und kleineren Städten – liegt in Sichtweite zur stark frequentierten Autobahn A7, und gilt im Vergleich zu anderen antiken Schlachtfeldern als bestens erhalten. Neben einer weiteren archäologischen Untersuchung der Fundstätten sowie einer geplanten Landesausstellung gilt es, nun über das Entwicklungskonzept zu klären, wie das Römerschlachtareal aufbereitet werden kann, um vor Ort zu dokumentieren und zu informieren. Ziel ist es dabei, das touristische Potential des Harzhorns zu erschließen, um längerfristig wirtschaftliche Impulse für die Region zu generieren.
Der Begriff des kulturellen Erbes rückt nicht nur eingetragene Denkmäler und Naturgüter, sondern auch Schlachtfelder sowie Kulturlandschaft und Region in den Mittelpunkt. Das Entwicklungskonzept überprüft in dieser Hinsicht die Möglichkeiten einer Besucherinfrastruktur welche ein authentisches Nachvollziehen der Schlachthandlungen in den Mittelpunkt stellt, ohne dabei den Ort und seine Funktionen selbst zu gefährden. Dabei werden auf einem baukastenartigen Prinzip basierende Elemente wie ein Erlebnisweg, Stationen und Aussichtsplattformen verwendet. Anwendungen des gleichen Prinzips auf andere historische Orte in der Region wären dadurch denkbar. Die bisherigen Schlachtfunde auf einer Länge von ca. 4km befinden sich nicht mehr in tiefen Germanischen Wäldern, sondern innerhalb einer heterogenen Kulturlandschaft, welche aus Buchenmischwäldern, Fichtenmonokulturen, Wiesen, intensiv bewirtschafteten Feldern und diverser Verkehrsinfrastruktur besteht. Innerhalb des Entwicklungskonzepts wird die Präsenz solch zeitgenössischer Nutzung nicht retuschiert, sondern konzeptionell miteinbezogen: Vielfältige Möglichkeiten der simultanen Reflektion der heutigen Umgebung und des damaligen Schlachtverlaufs werden dabei ermöglicht, z.B. über eine Aussichtsplattform von welcher aus die historischen Feldzugrichtungen und das heutige Landschaftsbild gleichzeitig nachvollzogen werden können. Sekundär werden auch vorhandene Elemente aus anderen historischen Epochen wie z.B. mittelalterliche Hohlwege und eine napoleonische Chaussée in das Konzept integriert. Für 2015 ist ein Gebäudekomplex mit jährlich ca. 75.000 bis 90.000 Besuchern und anfangs ca. 2.000m2 Bruttogeschossfläche vorgesehen. Im Außenraum können zusätzlich zur Informationsarchitektur verschiedene erlebnisorientierte Aktivitäten angeboten werden, z.B. Ausgrabungsfelder für Besucher, Bogen- und/oder Katapultabschussplätze, Nachbauten historischer Gebäude etc.

   

Auch landschaftsökologische Konzepte, die auf nationaler Ebene entstanden sind, werden im gegenwärtigen Arbeitsschritt mit in das Entwicklungskonzept zur touristischen Nutzung integriert: Ein von BUND und BfN initiierter Wildtierkorridor einschließlich Grünbrücke über die Autobahn A7 wird parallel zur historischen Schlachtrichtung verlaufen, was zwar funktionale Herausforderungen, aber auch Erweiterungen des Erlebnis- und Bildungsangebots für Besucher am Ort ermöglichen kann, z.B. durch audiovisuelle Dokumentation der realen Wildtierbewegungen.
Im Zuge der Grundlagenermittlung wurden weitere Aspekte in den Mittelpunkt gerückt, die über den Maßstab der Region hinausgehend das kulturelle Erbe am Harzhorn definieren: Da eine ausreichende Anzahl jährlicher Besucher eine Voraussetzung für einen langfristigen finanziellen Erfolg touristischer Nutzungen am Ort ist, erhält die A7 eine besonders hohe Bedeutung. Diese entspricht zum einen der ungefähren Feldzugrichtung der Römer im 3. Jahrhundert, zum anderen verkehren heute ca. 20.000 Kfz auf der Strecke – potenzielle Besucher für den Ort. Im Einzugsbereich von 50 bis 100 km befinden sich Städte wie Hannover, Braunschweig, Göttingen, aber auch angrenzende Touristenmagnete wie das Wesertal, der Naturpark Solling-Vogler und der Harz. Vor allem aber liegt etwa 65 km weiter südlich das sogenannte Römerlager Hedemünden im Landkreis Göttingen, ebenfalls an der Autobahn A7. Dort gibt es ähnlich dem Harzhorn zahlreiche Funde, und eine touristische Erschließung wurde auch hier in Planungen angedacht. Das Entwicklungskonzept für das Harzhorn bewirkte daraufhin die Entscheidung – anstatt in Konkurrenz – zukünftig zusammen mit Hedemünden im Sinne einer „Römerautobahn“ zu kooperieren.
Das Harzhorn Entwicklungskonzept verdeutlicht, wie der Begriff des kulturellen Erbes übergreifende Betrachtungen von Maßstab, Zeit und Funktion in den Mittelpunkt rücken kann. Die weiteren Möglichkeiten, die solche Betrachtungen für das architektonische Entwerfen mit kulturellem Erbe anbieten, werden die zukünftigen Studierendenentwürfe für das Erlebniszentrum und den archäologischen Park aufzeigen.