Sabbioneta - Die Maßfigur einer Idealstadt

 

Lehrstuhl für Baugeschichte und Denkmalpflege
Univ.-Prof. dr.-Ing. Jan Pieper

 
Sabbioneta
 

Sabbioneta, die Residenz Vespasiano Gonzagas (1532-1591) gilt mit ihrem überlieferten Gründungsjahr 1556 als die erste vollständige Neugründung einer Stadt in der Renaissance. Die Stadt gilt zudem als die prototypische Idealstadt der Epoche schlechthin, da sie nach dem Willen ihres Gründers die zeitspezifischen Vorstellungen von Staat und Gesellschaft im räumlichen Gefüge der Straßen und Plätze, in Umriß, Grundriß und Stadtgestalt, sinnfällig zum Ausdruck bringen sollte.
Trotz der bis in die kleinste Einzelheit vorausbedachten Form und Zweckbestimmung bietet die Stadt überhaupt nicht das regelhafte Bild einer Planstadt. Stattdessen bildet der Umriß der Befestigungen ein unregelmäßiges Sechseck und im Inneren sieht man ein gebrochenes und in vielfachen Versprüngen gestörtes Muster aus rechtwinklig einander schneidenden Straßen, deren Hauptrichtungen auf den ersten Blick keinerlei Bezug zu der äußeren Umrißfigur erkennen lassen.
Es ist deshalb immer wieder versucht worden, für den unregelmäßigen Umriß Sabbionetas eine den klaren Gesetzen der Geometrie unterworfene und damit notwendig regelhafte Konstruktionsfigur zu identifizieren. Jedoch operieren alle Rekonstruktionsversuche mit der Kreisgeometrie und daraus abgeleiteten Zirkelschlägen.
Kreisgeometrien spielen in der Baugeschichte bei der Grundrißkonfiguration von Einzelbauten eine sehr geringe, in der Stadtbaukunst praktisch gar keine Rolle. Das liegt im Wesentlichen daran, daß geometrische Operationen mit dem Zirkel am Reißbrett zwar sehr einfach durchzuführen sind, bei der praktischen Arbeit auf der Baustelle aber – wo Seile am Pflock im Kreismittelpunkt an die Stelle des Zirkels treten müssen – auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen. Die nicht mehr akzeptablen Ungenauigkeiten werden umso größer, je ausgedehnter das abzusteckende Objekt ist.
Anstelle von Maßfiguren, die auf der Kreisgeometrie basieren, sind deshalb seit der Antike rechtwinklige oder quadratische Absteckungen überliefert, die von außen nach innen vorgenommen werden. Sie gehen von einem orthogonalen „Campus Initialis“ aus, der als Hüllfigur das gesamte Baugelände umschreibt. Von diesem äußeren Quadrat oder Rechteck aus werden die Straßen, Insulae und Einzelbauwerke im Inneren eingemessen. Die Methode hat zudem den Vorteil, daß die Meßgenauigkeit beim Fortschreiten der Messungen von außen nach innen – oder vom Großen zum Kleinen – zunimmt, und nicht geringer wird, wie bei allen Verfahren, die von einem Mittelpunkt ausgehen.

   

Es lag deshalb nahe, auch den Grundriß der Idealstadt Sabbioneta unter Zuhilfenahme dieser römischen Technik zu analysieren. Tatsächlich führte dieser Weg zum Erfolg: Der Umriß von Sabbioneta ist einem Quadrat einbeschrieben, das mit seinen Ecken exakt nach den vier Himmelsrichtungen orientiert ist, die Diagonalen verlaufen also genau von Nord nach Süd und von West nach Ost. Die Spitzen der Bastionen liegen präzis auf dieser quadratischen Hüllfigur, deren Seiten so in Abschnitte von 16:18 und 8:20:6 geteilt werden. Das Maß dieser Einheiten beträgt 40x40 Braccia di Sabbioneta, der von Vespasiano Gonzaga auf der Basis des römischen Fußes eingeführten Elle von 0,493m – einem humanistischen Kunstmaß, das im Verhältnis der Quinte 5:3 zum antik-römischen Fuß (0,296m) steht. Insgesamt teilt sich die äußere Maßfigur des orientierten Quadrates in ein Raster von 34x34 Feldern zu 40x40 Braccia und die weitere Teilung gehorcht dann mit 16:8 und 8:20:6 der Ordnung der harmonischen Proportionen des Großen Ganztons (8:9) sowie der Sexte (5:3), der Quarte (4:3) und der Großen Terz (5:4).

Dieses Raster bestimmt auch die Lage aller wichtigen Gebäude, der Stadttore, des Palazzo Ducale, der Kirchen, des Theaters und der Galerie. Vor allem aber definiert es die Richtungen der Hauptachsen aller Straßen und Plätze, die vor Beginn der Baumaßnahmen im Inneren durch Aufstellen massiver Steinquader an den Ecken der Insulae und einzelner Monumentalbauten festgelegt wurden. Auch diese Ecksteine – „cippi“ genannt – haben ihr Vorbild in der Praxis der römischen Stadtplanung, bei der die Ecken der Baublöcke vor der Aufteilung der einzelnen Baulose festgelegt wurden. Da auf ihnen die Rechtstitel der Immobilien ruhten wurden sie nie verändert.

Die Hauptachsen der Binnengliederung des Stadtgrundrisses von Sabbioneta sind gegenüber der Maßfigur von 34 x 34 Feldern verdreht, sie sind gegenüber dem Raster des genordeten Campus Initialis im Verhältnis von 1:9 geneigt. Da das Außenquadrat nach den vier Himmelsrichtungen orientiert ist läßt sich die Achsenneigung gegen die astronomische Nord-Süd-Richtung exakt bestimmen, sie beträgt 308,46° (Altgrad). Dies ist das Südazimut des Sonnenaufgangs am 6.12. julianischen Stils unter Berücksichtigung der Kalenderverschiebung vor der gregorianischen Reform und der Überhöhung des Horizonts durch die Erdanschüttung der Befestigungswälle bzw. der Randbebauung in der Achse des Palazzo Ducale.

 

Der 6.12. ist der Geburtstag des Stadtgründers Vespasiano Gonzaga, der an diesem Tag des Jahres 1531 in Fondi (Latium) „kurz nach Sonnenaufgang“ geboren wurde.
Neben der äußeren Hüllfigur ist auch das zweite geometrische Ordnungssystem astronomisch orientiert, diesmal allerdings nach dem Sonnenazimut am Geburtstag des Fürsten. Die Binnengliederung der Straßen, Plätze und Insulae ist also mit ihren Hauptachsen, mit der heutigen Via Vespasiano Gonzaga, die die gesamte Stadt durchquert und mit der Längsachse des Palazzo Ducale - vom Erscheinungsbalkon über den Vorplatz hinweg - auf den Dies Natalis des Stadtgründers ausgerichtet. Auch die Geburtstagsorientierung der städtischen Hauptachse ist eine antike- römische Praxis bei der Planung und Gründung von Städten. Eine erhebliche Anzahl der kaiserzeitlichen Stadtgründungen und ein noch größerer Teil der systematisch angelegten Standlager des römischen Militärs wurde mit der längeren der beiden Hauptachsen, dem Decumanus, auf den Sonnenaufgangspunkt am Geburtstag des Kaisers ausgerichtet, der die Gründung veranlaßt hatte.

Sowohl die Geometrie der Umrißfigur als auch die genau so präzis konstruierte Binnengliederung des Stadtgrundrisses von Sabbioneta sind also das Ergebnis einer renaissancehaften Anverwandlung antik-römischer Stadtplanungspraktiken, wie sie die lateinischen Agrimensoren in der gromatischen Literatur überliefert haben und wie sie auch aus dem Denkmalbestand einschlägig bekannt sind. Hinter der augenscheinlichen Unregelmäßigkeit der Idealstadt Sabbioneta verbirgt sich somit eine äußerst komplexe Geometrie, die zwar nicht unmittelbar offensichtlich ist, die aber der gesamten Konstruktion von Umriß und Grundriß der Stadt zugrunde liegt. Sie beruht auf einer sehr genauen Kenntnis der Theorie und Praxis des antik-römischen Städtebaus, sie macht sich souverän die Herrschaftsgestik der kaiserzeitlichen Gründungen zu eigen und sie setzt zudem einen hochentwickelten astronomischen, trigonometrischen und vermessungstechnischen Sachverstand auf der geistes- und naturwissenschaftlichen Höhe der Zeit voraus.

   


In bisher vier Vermessungskampagnen wurde der gesamte Stadtumriß mit den Bastionen sowie das Straßennetz mit den Ecksteinen der Insulae tachymetrisch aufgenommen, außerdem wurde die astronomisch exakte Nordrichtung durch den Meridiandurchgang der Sonne bestimmt und schließlich wurde in Tausenden von Einzelmaßen zwischen den Zippi und an den Bauwerken selbst die Maßeinheit des Braccio di Sabbioneta millimetergenau definiert.
Der geometrische Code der präzis konstruierten Matrix von Umriß- und Grundrißfigur der Idealstadt Sabbioneta ist damit entschlüsselt, die Signifikanz der darin begründeten Gesten imperialer Herrschaft und räumlicher Ordnung von Stadt und Umland erschließt sich ohne weiteres aus den antik-römischen Traditionslinien, die damit aufgegriffen und fortgeschrieben werden.
Nun gilt es die Überlieferungswege dieses Denkens festzustellen und zu untersuchen, wie sich die einzelnen Aspekte dieser Vorstellungswelt auf die konkrete architektonische Gestalt der einzelnen Bauten von Sabbioneta ausgewirkt haben. Dazu müssen zunächst die Voraussetzungen in präzisen Bauaufnahmen der gesamten höfischen Architektur Sabbionetas geschaffen werden. Diese Aufgabe wird die nächsten Jahre in Anspruch nehmen. Konkret geplant sind sieben weitere Bauforschungskampagnen in jeweils zweiwöchiger Arbeit vor Ort, für die auch die Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Gerda Henkel Stiftung gesichert ist.

Die bau- und kunstgeschichtliche Bedeutung der Entdeckung dieser städtebaulichen Matrix von Sabbioneta liegt vor allem darin, daß durch den Nachweis einer hochartifiziellen, geometrisch exakt konstruierten Figur als Erzeugende der scheinbaren Zufälligkeit des Stadtgrundrisses die manieristischen Qualitäten dieser prototypischen Idealstadt der Renaissance nunmehr präzis benannt werden können. Eine der zentralen ästhetischen Kategorien des Manierismus – „Sprezzatura“, die scheinbare Zufälligkeit des künstlich und künstlerisch Konstruierten, wie sie Castiglione im Ersten Buch des „Cortegiano“ eingeführt hat, – läßt sich nunmehr nicht nur, wie schon vielfach belegt, in Architektur, Malerei, Skulptur oder Kleinkunst nachweisen, sondern jetzt auch in dem umfassenden, nur in Zusammenwirken von Kunst und Wissenschaft entstehenden Gesamtkunstwerk der Idealstadt. Hinter der wie organisch gewachsenen, scheinbar historisch gewordenen „schönen Unregelmäßigkeit“ von Sabbioneta steht eine genau berechnete und mit großem technischem Aufwand angelegte Konstruktion. Gleichwohl verbirgt sie absichtsvoll dieses Wissen, um damit dem manieristischen Grundsatz des „dissimulando il sapere“ zu genügen und zu demonstrieren, „daß eben dasjenige als die höchste Kunst angesehen werden muß, das gar keine Kunst zu sein scheint“.

  Stadtmauer